Mit Strukturvielfalt gegen das Artensterben
Die Shell-Jugendstudie aus 2024 ergab, dass die Themen Klimawandel (63 %) und Umweltverschmutzung (64 %) einer großen Mehrheit der Jugendlichen Angst machen. Hingegen erschreckend erscheint es, dass die Jugend-Naturbewusstseinsstudie (2020) offenlegte, dass zwei von drei Jugendlichen nicht wissen, was biologische Vielfalt bedeutet.
Aber wie denn auch?
In meiner Kindheit (ich bin 1986 geboren) war es noch normal, dass ganze Wolken an Insekten um Laternen herumschwirrten und Massen an Eintagsfliegen zu beobachten waren. So freut sich mein 5-jähriger Sohn heute, wenn er „mal einen“ Schmetterling zu sehen bekommt. An Laternen und Windschutzscheiben ist schon lange nichts mehr zu beobachten. Shifting Baselines heißt das umweltpsychologische Phänomen: die Wahrnehmung des Zustands von Natur und Umwelt verändert sich schrittweise über Generationen hinweg. So werden die degradierten Umweltzustände als „normal“ oder „natürlich“ angesehen. Kein Wunder also, dass die Biodiversitätskrise ein stark unterschätztes Problem ist. 1858 beschrieben die Gebrüder Speyer in ihrem Buch „Die geologische Verbreitung der Schmetterlinge Deutschlands und der Schweiz“ noch, dass Schmetterlinge und Falter „allenthalben“ waren. Also in rauen Mengen – überall!
Nicht nur die Insekten triffts. Denn sie stehen am Anfang der Nahrungskette. Jedes Jahr sammeln Freiwillige aus Puchheim und Eichenau Amphibien auf, bevor sie von Traktoren im Frühjahr während ihrer Wanderschaft zerpflügt oder von Autos oder Fahrrädern überfahren werden. Die Trockenheit macht den kleinen Hüpfern zudem zu schaffen. So wurden in diesem Jahr nur 150 Tiere gesammelt – in den Vorjahren durchschnittlich 600. Ihr Ziel ist der Mondscheinweiher.
Und genau dort findet es statt: das Kooperationsprojekt zwischen der Puchheimer Realschule und dem BUND Naturschutz. „Ich finde es ist so wichtig, dass die Kinder draußen sind - ohne Handy. Ich halte es für wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler in Kontakt mit der Natur kommen“, so Lehrerin Franziska Eckl. Im Rahmen des Konzepts „Schule fürs Leben“ werden die Umweltbildnerinnen Janine Stengel-Lewis und Jennifer Getzreiter das ökologische Netz in seiner Vielfalt und unsere Rolle als Mensch darin an fünf Terminen im Mai und Juni erlebbar machen. Die rund 150 Schülerinnen und Schüler der 6. Jahrgangsstufe erfahren während eines Schultages im Lernraum Ökosystem Obstwiese, was Lebendigkeit bedeutet und wie wir als Mensch mehr davon in die Welt bringen können. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Realschule Puchheim und dessen Förderverein, dem Aktionsbündnis Streuobst, dem BUND Naturschutz sowie Puchheimer Bürgerinnen und Bürgern.
Konkret sollen auf der Streuobstwiese des Bund Naturschutz Benjeshecken errichtet werden. Ein Totholzhaufen oder eine Benjeshecke sind eigene kleine Biotope mit vielen Nischen und Verstecken. Gerade für die kalte Jahreszeit bieten sie attraktive Winterquartiere für viele Reptilien, Amphibien und vor allem Insekten. Das sich langsam zersetzende Holz verwandelt sich dank Pilzen in ein Eldorado für unzählige Käfer, Asseln und Spinnen. Es klingt paradox, doch erst mit „totem Holz“ wird eine Streuobstwiese zu einem sehr lebendigen Naturlebensraum. Durch das gemeinsame Erschaffen von Lebens- und Nisthilfen erfahren die Jugendlichen den Wert von Zusammenarbeit und Selbstwirksamkeit. Beim gemeinsamen Zubereiten von Wiesenkräuter-Mahlzeiten werden weitere Aspekte der Vielfalt in der Ernährung aufgezeigt. Die Jugendlichen erleben, warum Zusammenhalt und Vielfalt – sowohl ökologisch als auch gesellschaftlich - wichtig sind. Jedes Wesen findet seine Nische. Wichtige Aspekte, denn jeder zweite Jugendliche fühlt sich laut der GenNow-Studie der Bertelsmann-Stiftung (2024) emotional und sozial einsam. Naturerleben trägt dazu bei, sich mit allem Lebendigen verbunden zu fühlen und Vertrauen in das Leben zu entwickeln.
Für Rückfragen:
Jennifer Getzreiter
Ortsvorsitzende Puchheim
Tel. 0176/62 5848 92
E-Mail: puchheim@bund-naturschutz.de




